Rede an die Nation eines Notfallpsychologen

So hätte ich die Ansprache an die Nation der Bundeskanzlerin vom 18.03.2020 zum Corona-Krisenmanagement aus notfallpsychologischer Sicht geschrieben. Denn ein anderes Corona-Krisenmanagement war und ist möglich:


„Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

ich bin, wie die meisten Menschen in diesem Land, schockiert vom Tod und Leid der Menschen in China und Italien. Den Angehörigen gelten mein Mitgefühl und Beileid. Auch wir in Deutschland werden mit dem Corona-Virus konfrontiert werden.

Eine Krise ist eine Zeit von Schmerz und Verlust. Es gibt keine Wohlfühlkrise. Der Wunsch, dass wir in Deutschland vom Corona-Virus verschont bleiben, ist menschlich, aber nicht umsetzbar. Die Frage, mit der wir uns in der Regierung intensiv auseinandersetzen mussten, war, wie wir dieses Land konstruktiv durch die Krise steuern können.

In Anbetracht der Bilder von sterbenden Menschen, vor dem Hintergrund der täglich steigenden Todeszahlen in Italien, sind rationale Gedanken schwer zu fassen. Zu menschlich ist der Wunsch, jedes Leben zu retten. Doch genau in dieser Stunde der stärksten Emotionalität und dem größten Druck zum Aktionismus, ist ein Blick mit Abstand und Weitsicht auf der Grundlage der vorhandenen Fakten notwendig.

Wir wissen bisher, dass das Virus vor allem für Menschen mit schweren Vorerkrankungen, zumeist also ältere Menschen, lebensbedrohlich ist. In Italien waren unter den bisherigen Corona-Toten nur 0,8 Prozent ohne schwere Vorerkrankung. Das Durchschnittsalter der verstorbenen Menschen in Italien liegt momentan bei 75 Jahren. Auf Grundlage der aktuellen Zahlen wäre es reine Panikmache, zu behaupten, es werden auch junge Menschen an dem Corona-Virus sterben. Auch in früheren Zeiten sind junge Menschen an Erkrankungen und Viren gestorben. Das aktuelle Corona-Virus ist für Menschen ohne Vorerkrankung nicht lebensgefährlich, jedenfalls nicht über das allgemeine Risiko des Lebens hinaus.

Ich möchte betonen, dass es nicht in unseren Händen liegt, das Virus aufzuhalten. Dies würde bedeuten, dass wir 100 Prozent unseres Lebens auf Null herunterfahren und das ist nicht möglich. Menschen müssen einkaufen gehen, systemrelevante Aufgaben müssen durch Menschen ausgeführt werden, die Notversorgung muss gewährleistet werden. Dadurch kommt es zwangsläufig zu persönlichen Kontakten. Eine Ausbreitung ist unumgänglich. Auch darf man nicht vergessen, dass für gesunde Menschen eine Infektion bzw. Erkrankung mit einem nicht lebensgefährlichen Virus langfristig nützlich ist, da eine Immunisierung gegen das Virus die Abwehrmöglichkeiten gegen kommende Viren und Krankheiten erhöht. Auch künftig werden wir jeden Winter mit neuen Erkältungsviren konfrontiert werden.

Wir können also nur alles menschlich Mögliche unternehmen, um den Menschen zu helfen, die am Corona-Virus lebensbedrohlich erkranken. Und das ist eine ausreichende intensiv-medizinische Versorgung. Dafür gibt es zwei Stellschrauben.

Zum einen werden wir ab sofort und solange wie nötig die Anzahl an Intensivbetten in den Krankenhäusern erhöhen. Damit erhöhen wir die Möglichkeiten der stationären Behandlung für maximal viele Patienten. Zum anderen werden wir durch ausgewogene Maßnahmen die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Corona-Virus innerhalb der lebensbedrohten Bevölkerungsgruppe, also Menschen mit schweren Vorerkrankungen, verringern. Das bedeutet, dass Menschen mit Vorerkrankungen, zumeist ältere Menschen, in den nächsten Wochen den persönlichen Kontakt zu anderen Menschen vermeiden. Ich appelliere an Sie, bitte bleiben Sie zu Hause. Wir haben Strukturen für die gefahrlose Versorgung mit Lebensmitteln aufgebaut. In besonders gefährdeten Einrichtungen wie Altersheimen werden wir die Schutzmaßnahmen maximieren. Darüber hinaus werden wir ab übermorgen Null Uhr für zunächst vier Wochen den privaten Reiseverkehr in Deutschland einschränken. Indem wir private Bahn-, Flug-, und Autofahrten einschränken, verringern wir die Ausbreitung des Virus innerhalb von Deutschland. Wir wissen, dass dies eine erhebliche Einschränkung für viele Bürgerinnen und Bürger bedeuten wird, glauben aber, dass bei diesen Einschränkungen der Reisefreiheit gegenüber dem Wohl von Millionen Menschen die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt.

Den Erfolg unserer Maßnahmen werden wir nicht daran messen, wie viele Corona-Tote es in Deutschland gibt, sondern daran, dass wir in Deutschland keine überfüllten, aber auch keine leeren Krankenhäuser aufweisen. Eine Belegung der Intensivbetten bis an die Kapazitätsgrenze bei einer gleichzeitig schnellen Immunisierung der nicht lebensbedrohlich gefährdeten Bevölkerung, also Menschen ohne schwere Vorerkrankung, ist unser Ziel.

Bei der Frage, ob wir wie in der Provinz Wuhan oder in Italien für Wochen alle Kitas und Schulen schließen, nicht systemrelevante Geschäfte sperren, das öffentliche Leben aussetzen sollten, habe ich persönlich vor der schwersten Entscheidung meines Lebens gestanden.

Auf der Grundlage jahrelanger Expertisen in der Bewältigung von Krisen haben wir uns aber gegen die flächendeckende Isolation entschieden. Sowohl die Nebenwirkungen als auch die Langzeitfolgen unseres Handelns sind Teil unserer Krisenbewältigung und müssen Beachtung finden. Kinder, die über Wochen hinweg nicht die Wohnung verlassen, Eltern die parallel mit Homeoffice, Kinderbetreuung, Schulersatzausbildung und Hausarbeit überfordert sind, Kleinunternehmer, Künstler, Gastronomen und Freiberufler, denen die Existenzgrundlage entzogen wird, Menschen in Gefängnissen, denen der letzte Sozialkontakt nach draußen genommen wird, kranke Menschen, die vorzeitig und nicht austherapiert aus Behandlungen entlassen werden, alte Menschen, die allein und ohne Verwandte sterben müssen, darf man nicht außer Acht lassen. Und wenn unsere Krisenmaßnahmen die psychosoziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in Deutschland nachhaltig und erheblich verschlechtern, dann wäre unser Handeln keine konstruktive Krisenbewältigung, sondern ein destruktives Anheizen der Krise.

Die Gefahren einer Spaltung der Gesellschaft zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, Gewinnern und Verlierern, der Verlust an Vertrauen in den Nachbarn und in den Staat, sogar ein möglicher Staatsbankrott verlagern das Problem nur von heute auf die nächste Generation. Für die Zukunft eines Landes ist es gerade in Krisenzeiten unabdingbar, dass die gesunden Strukturen gestärkt werden, damit diese die Ressourcen zur Krisenbewältigung für die hilfsbedürftigen Stellen
bereitstellen.

Ich gehöre mit 65 Jahren selbst zur Hochrisikogruppe. Mein Alter ist aber nicht nur ein Nachteil in der Corona-Krise, sondern auch ein großer Vorteil. Denn ich kann dankbar zurückblicken auf ein erfülltes Leben mit wunderbaren Erfahrungen. Ich habe über Jahre hinweg an vorderster Front mithelfen können, den Menschen in diesem Land und auch in Europa eine gute Lebensbasis mit einer stabilen Zukunftsperspektive zu schaffen. Sowohl für mein eigenes Leben als auch in meiner Position als Bundeskanzlerin ging es mir stets und einzig um die Frage, wie wir leben und nicht wie lange. Auch aktuell und in Anbetracht der Bilder aus aller Welt richte ich meinen Fokus nicht auf Virus und Tod, sondern auf Leben und Zukunft.

In jeder Krise steckt ein großes Potenzial für sinnvolle Veränderungen. Selbstkritisch muss ich eingestehen, dass auch in Deutschland in den letzten Jahren nicht nur positive Entwicklungen stattgefunden haben. Gerade dem Auseinanderbrechen von Gemeinschaft, der Zunahme an Einsamkeit, Ohnmachtsgefühlen, Angst und psychischem Druck können wir in dieser Krise entgegenwirken. Nicht das Corona-Virus selbst, nur unser Handeln kann unsere Gemeinschaft und unsere Demokratie gefährden. Daher haben wir uns entschieden, die Weichen der Krisenbewältigung auf eine langfristige Stärkung unserer Gesellschaft und unserer Gemeinschaft auszurichten.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und viel Liebe für die aktuelle und für die kommende Zeit.“

Anmerkung: Entworfen und aufgeschrieben von Enrico Möglich, Fachpsychologe für Notfallpsychologie. Es besteht kein realer Bezug zur tatsächlichen Ansprache der Bundeskanzlerin vom 18.03.2020.